Presse

Sommerkonzert am 27.06.2017

Junge Sinfonie gegen Lüge und Barbarei

Susanne Eckstein | 28.06.2017

„Es ist an der Zeit“, mahnte das Sommerkonzert-Motto der Jungen Sinfonie Reutlingen. Als Gäste wirkten der junge Chor „Lacuna“ vom Sängerbund Lichtenstein und Sebastian Fuß als Solopianist mit; die Leitung hatte Rainer M. Schmid.

Mit ihrem aktuellen Programm haben sich die Junge Sinfonie und ihr Leiter Rainer M. Schmid weit aus dem sinfonischen Fenster gelehnt. Ihr Anliegen: aufmerksam zu machen auf ein unrühmliches Jubiläum (101 Jahre 1. Weltkrieg) und die gefährdete Lage der Menschheit.

Zum einen mit einer Neufassung des 76er-Protestsongs „Es ist an der Zeit“, ursprünglich englisch („The Green Fields of France“), hierzulande bekannt durch Hannes Wader und dessen Text, nun eigens für die Junge Sinfonie arrangiert von Pavel Klimashevsky. Von diesem stammt auch das Jazz-inspirierte „Decemberdy“ – ebenfalls für die Junge Sinfonie komponiert –, das quasi als Prolog vorangestellt wurde. Für das stets verjüngte Orchester bildete es eine Herausforderung, äußerst konzentriert folgte es Schmids präzisem Dirigat und dem Notentext.

Singen ist Tradition bei der Jungen Sinfonie – man denke nur an die Dreingaben; für vollen Chorklang reichen die Stimmen aber nicht. Gut, wenn man entsprechende Kontakte nutzen kann: Maria Eiche, Stimmführerin der 2. Geigen und NWO-Dirigentin, leitet nebenher das Vokalensemble „Lacuna“ im Sängerbund Lichtenstein. Dieses übernahm nun den Chorpart von „Es ist an der Zeit“. Es wurde tadellos gesungen und musiziert; auch Orchesterleute sangen mit. Der Komponist hat die Instrumente behutsam eingesetzt, so dass Lied und Anklage im Vordergrund blieben. Mancher Alt-68er mochte den rebellischen Unterton vermissen; vielleicht hätte dem Inhalt ein Textabdruck mehr Kraft verliehen? „Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein / dann kann es gescheh‘n, daß bald niemand mehr lebt“ – wie beklemmend aktuell!

Als positives Gegenstück konnte man George Gershwins „Rhapsody in Blue“ verstehen, den populären Ohrwurm-Mix aus Jazz, Klassik und Klezmer, Musik eines Emigrierten, nicht resignativ, sondern aktiv vorwärtstreibend. Zumal in der Interpretation von Sebastian Fuß, langjähriger Schüler von Angela-Charlott-Linckelmann und Guthörle-Stipendiat: Mit sensiblem Anschlag und farbiger Tongebung, vor allem aber mit einer gehörigen Portion Spielwitz lockte er das Orchester aus der Reserve und verführte das Publikum zum Mitwippen und Schwelgen. Letzteres spendete begeistert Applaus, Fuß bedankte sich mit einer Solozugabe.

Ein herbes Bekenntniswerk von 1946 beschloss das Programm: die Sinfonie Nr. 3 (die „liturgische“) von Arthur Honegger. Darin hat er das damals noch frische Kriegserlebnis in drei Sätze gefasst, mit brutalen Ostinati in den Ecksätzen, einem vielstimmigen, vielschichtigen Gebet in der Mitte und einem kleinen Hoffnungsschimmer zum Schluss. Zwar gehört das Stück zum Repertoire der Jungen Sinfonie, für viele Mitspieler jedoch dürfte es neu gewesen sein; eine Gratwanderung nicht nur mit Blick auf die komplexe Partitur, sondern auch auf die Spannung von Kultur und Barbarei: Wie bekämpft man Gewalt mit den Mitteln eines Kulturorchesters? Die Grenzen des kultivierten Orchesterspiels wurden weder vom Komponisten noch von der Jungen Sinfonie überschritten; letzterer konnte man sogar mehr Mut zur Dissonanz wünschen, um diese unbequeme Musik – über die korrekte Wiedergabe hinaus – in Struktur und Aussage zu schärfen. Dennoch: große Anerkennung, lang anhaltender Beifall.

 

Sommerkonzert am 27.06.2017

Konzert – Junge Sinfonie bezieht musikalisch Stellung

Gegen Gewalt und Krieg

VON ISABELLE WURSTER

REUTLINGEN. Vom ersten Ton an lagen Ernst und klanglich ausdrucksvolle Anteilnahme am derzeitigen Weltgeschehen im Konzert der Jungen Sinfonie – und eine Rückbesinnung an die tragischen Katastrophen der Weltkriege. Aber auch die Freiheit des Swings erklang. Mit ihrem Sommerkonzert am Sonntag in der Stadthalle setzten die jungen Musiker und ihr Dirigent Rainer M. Schmid ein Zeichen gegen Gewalt. Hannes Waders Liedzitat »Es ist an der Zeit« zeichnete das Programm. Die Uraufführung von Pavel Klimashevskys Arrangement, Gershwins »Rhapsody in Blue« und Honeggers »Symphonie liturgique« untermauerten eindrucksvoll die Friedenssehnsucht und den Schrecken, der Kriegen innewohnt.Ein Schauer jagte durch den nur zu einem Drittel besetzten Konzertsaal, als Klimashevskys Bearbeitung von Hannes Waders Lied »Es ist an der Zeit« einsetzte – mit einem scharfen, von den Geigen gesetzten Schrei. Eigens für das Orchester von Klimashevsky arrangiert, zeichneten die jungen Sinfoniker Klang- und Rhythmusüberlagerungen, die entrückten und faszinierten. Wie von Asche verdeckt erklangen wiederkehrend gewollt verzagende und zurückgedrängte Jazz-Soli einzelner Instrumente. Diese erstrahlten nicht in Gänze, sondern blieben im Chaos der Schichten gefangen – so auch beim Arrangement von Hannes Waders »Es ist an der Zeit«, gesungen vom »Lacuna«-Chor des Sängerbundes Lichtenstein. Zum beschwingt und harmlos wirkenden Gesang »Du hast ihnen alles gegeben, deine Kraft, deine Jugend, dein Leben« mischte sich der fade Beigeschmack von subversiv wiederkehrenden Marschtrommeln, Kurt-Weill-ähnlichen Parodiemomenten und zusammenstürzenden Strukturen, die in ein abrupt verklingendes Finale gründeten.

Orkan und Aschestürme

Mit Gershwins »Rhapsody in Blue« erreichten hiernach beschwingte und heiterere Klangfarben das Publikum. Die besonders keck und elegant verschluderte Klarinette, auch klanglich glänzendes Blech ertönten mit Bogen schlagenden Streichern in voller Größe. Mit einem kräftigen Anschlag verstand es der junge Reutlinger Sebastian Fuß am Flügel, eine besondere Leichtigkeit durch ruhig gesetztes und bluesiges Swingen zu schaffen und arbeitete sich aus dem Orchesterklang im Laufe seines Spielens heraus – immer wieder leicht mit dem Kopfe nickend. Mit einer Zugabe dankte er dem großen Beifall der Zuhörer.Mit Honeggers dritter Sinfonie, der »Symphonie liturgique«, die unter dem Eindruck des Entsetzens des Krieges geschrieben wurde, erklang im Teil »Dies irae« ein Orkan – verworren einsetzende Streicher, brutal schepperndes Blech und Aschestürme aus Tonrepetitionen. Hervor blitzten die Trompeten. Die gregorianische Totenklage »De profundis« klang aus der Tiefe mit singenden Celli, perlenden Klavierschlägen und verwandelte sich zum verzweifelten Krampf der Machtlosigkeit. »Dona nobis pacem« ließ besonders die Hörner erstrahlen. Nach entsetzten Unisono-Schreien erklang das Flimmern der Geigen so bestechend schön und zart, dass das Zusammenspiel der sanften Piccolo und der ersten Geige fast nicht zu greifen war – denn sie stimmten leise das Lied von Friede und Hoffnung an. Ein musikalisch und auch politisch starkes Statement hat die Junge Sinfonie da abgeliefert. (GEA)

Reutlinger Generalanzeiger, 02.01.2017

Das Können junger Persönlichkeiten

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Es steht einer Stadt, die Kulturstadt sein will und ist, gut zu Gesicht, auf das zu blicken, was nachwächst. In puncto klassische Musik ist das eine ganze Menge, wie das Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie Reutlingen am Samstag geradezu mustergültig vor Augen führte. Im voll besetzten Saal der Freien Georgenschule trat nicht nur ein glänzend aufgelegtes Orchester auf – gleich fünf Solisten, die allesamt aus der Region kommen, fesselten zudem mit stupenden Darbietungen.

Eva Schall (vorn, von links), Jakob Schall und Nathalie Glinka spielen Beethovens Tripelkonzert.

Eva Schall (vorn, von links), Jakob Schall und Nathalie Glinka spielen Beethovens Tripelkonzert. FOTO: Christoph B. Ströhle

Poesie und Passion

Zwei von ihnen, Julia Hinger und Rebecca Haas, sind seit 2012 Mitglieder der Jungen Sinfonie und nahmen nach ihren Soloauftritten auch wieder im Orchester Platz: Julia Hinger bei den Celli, Rebecca Haas bei den Klarinetten. Die anderen drei, Eva Schall, Jakob Schall und Nathalie Glinka, sind Stipendiaten der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung. Sie hatten Beethovens Tripelkonzert, das am Abend erklang, bereits vor fünf Jahren mit der Jungen Sinfonie aufgeführt. Aus den zwischen 1989 und 1993 geborenen Instrumentalisten sind mittlerweile gestandene Musikerpersönlichkeiten geworden.

Eva Schall ließ ihre Geige beseelt und schwerelos federnd klingen. Die exzellente Tongebung und Klangkultur bis in die feinsten Nahtstellen hinein fand sich auch bei ihrem Bruder Jakob Schall, der auf dem Cello auch und gerade in den hohen Lagen eine wunderbare Ausdruckskraft und technische Versiertheit bewies. Nathalie Glinka verstand es am Klavier, immer wieder eindrucksvoll zwischen lyrischer Poesie und Passion zu vermitteln. Feurig, beherzt, neckisch und versonnen klang das Ganze im Zusammenspiel, inspiriert begleitende Junge Sinfoniker machten das Bild rund.

Zuvor hatte Julia Hinger in Carl Maria von Webers Romanze und Arie des Ännchens aus der romantischen Oper »Der Freischütz« in Bann gezogen – mit Ausstrahlung, einem mühelos geführten, leuchtenden Sopran und jener neckischen Art, mit der Ännchen ihre Cousine Agathe nach einer Nacht voller Alpträume mit einer lustigen Geistergeschichte aufzumuntern versucht. Hannah Leonhard war mit der Solobratsche betraut und machte ihre Sache ausnehmend gut.

Berückender Zauber

Rebecca Haas legte in Webers Concertino für Klarinette und Orchester op. 26 ein beeindruckendes Können an den Tag. Facetten- und Farbenreichtum prägten ihre Interpretation, wobei sie gleichermaßen in den anmutigen wie den virtuosen Passagen glänzte. Mehr noch: Die Klarinettistin lebte diese Musik, und das Orchester mit ihr, sodass das Zuhören eine Freude war. Mit Webers »Oberon«-Ouvertüre waren die jungen Musiker und ihr Leiter Rainer M. Schmid in den Abend gestartet, der am Ende Heiteres bereithielt. Der Oberon ließ in feinster sinfonischer Dichtung und mit berückendem Zauber die Geister- und Elfenwelt erstehen. Nicht leicht zu spielen war das für das Orchester, doch war das Wesentliche plastisch herausgearbeitet.

Otto Nicolais Ouvertüre zu »Die lustigen Weiber von Windsor« fing mit zartem Strahlen in den Geigen und charaktervollen Celli und Bässen an. Melodisch entwickelte sich die Musik, heiter, tänzerisch, gewollt deftig. Den Musikern gelang es, flugs umzuschalten – um am Ende auf den Radetzky-Marsch einzuschwenken, mit lustigen Hüten auf dem Kopf und teilweise Federboas um den Hals. Und auch das Feuerwerk, das vor dem Saal schon den ganzen Abend getönt hatte, wussten die jungen Musiker – mit dem Mund – täuschend echt nachzuahmen. (GEA)

Südwestpresse, 03.01.2017

Romantik, Jux und Zauberei

von SUSANNE ECKSTEIN

 
Am Ende bei der traditionellen Dreingabe des Radetzky-Marschs mit Hut: Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie. Foto: Susanne Eckstein

Foto: Susanne Eckstein

Ein glänzendes und erneut umjubeltes Silvesterkonzert samt fünf Solisten brachte die Junge Sinfonie Reutlingen auf die Bühne des Georgensaals; die Leitung hatte wie stets Rainer M. Schmid.

Dem jährlichen Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie kann man mittlerweile Kultstatus bescheinigen, ablesbar nicht zuletzt an dem Gedränge vor dem vergleichsweise kleinen Auditorium in der Freien Georgenschule. Dafür bietet die Akustik des Saals Bestqualität mit Wohlfühlfaktor. Legendär sind zudem die Gags des Orchesters zum Konzert- und Jahresabschluss, auch diesmal wieder lagen verheißungsvolle Hüte und Perücken unter den Musikerstühlen bereit.

Als Auftakt wurde die Ouvertüre zu der Oper „Oberon“ von Carl Maria von Weber gewählt; man sah vor dem inneren Auge geradezu den Bühnenvorhang aufgehen, so spielfreudig und spannend wurde die Zauberwald-Szenerie entfaltet, von Rainer M. Schmid am Pult wie gewohnt so präzise wie unprätentiös dirigiert.

Auf die Bühne trat danach die Junge-Sinfonie-Cellistin Julia Hinger als Gesangssolistin mit Romanze und Arie des Ännchens aus Webers „Freischütz“ („Einst träumte meiner sel’gen Base“); mit feiner, jedoch präzise und höhensicher geführter Sopranstimme gab sie der Nummer eine mädchenhafte Note. Ebenfalls aus den Reihen des Orchesters kommt die Klarinettistin Rebecca Haas; sie beschloss den großen Weber-Block, der ganz ohne runde Jubiläumszahl (230 oder 190 Jahre zählen ja nicht) dem Begründer der deutschen Opern-Romantik huldigte, mit dessen Concertino für Klarinette und Orchester op. 26. Trotz der Knallerei direkt am Haus gelang ihr bei aller Virtuosen-Brillanz eine wunderbar dichte, klangschöne und ausdrucksvolle Interpretation, die eine geradezu magische Aura heraufbeschwor.

Ludwig van Beethovens Tripelkonzert (op. 56) für drei Solisten und Orchester haben sie zwar im Sommer 2011 schon einmal gemeinsam aufgeführt, doch Eva Schall (Violine), Jakob Schall (Cello) und Nathalie Glinka (Klavier) wollten sich das Werk nochmals vornehmen – die künstlerische Reife, die sie dabei zeigten, gab ihnen Recht.

Alle drei sind Stipendiaten der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung und haben sich glänzend entwickelt; ihr zugleich entspanntes und konzentriertes Zusammenspiel mit dem Orchester der Jungen Sinfonie bot kammermusikalisch ausgefeilten Musikgenuss und machte Lust darauf, die drei als Klaviertrio zu erleben; allerdings sind sie schon mit anderen Trio-Partnern unterwegs.

Ein Eröffnungsstück am Programm-Ende? Warum nicht! Otto Nicolais Ouvertüre zu der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ bietet soviel humorvollen Stoff und ein so effektvolles Finale, dass letzteres auch noch als zweite Zugabe (und zum Singen) taugt, zumal die Umsetzung der Jungen Sinfonie unter Rainer M. Schmids Leitung keine Wünsche offen ließ. Offenbar hat das Reutlinger Jugendorchester die richtige Balance zwischen Anspruch und Musizierfreude gefunden und spielte geradezu befreit auf; kleinere Ungenauigkeiten wurden in Kauf genommen zugunsten von sprühendem Spielwitz und fesselnder Atmosphäre.

Während bei früheren Silvesterkonzert-Schlüssen schon manch mahnendes Wort gesprochen (oder gesungen) und Schräges inszeniert wurde, triumphierte diesmal unbeschwerte Heiterkeit: Das Orchester kostümierte sich mit Hüten und Perücken zum obligaten Radetzkymarsch, das jubelnde Publikum durfte mitklatschen – und nach der zweiten Zugabe, dem Finale der Nicolai-Ouvertüre, das Polka-Thema selber singen.

Südwestpresse, 18.10.2016

Der ganz spezielle Brahmssche Charme

 
von SUSANNE ECKSTEIN
 
Bekannt für interessante und eigenwillige Werkauswahl: die Junge Sinfonie Reutlingen. Foto: pr/Junge Sinfonie

Foto: pr/Junge Sinfonie

Erneut gut besucht und bestens angekommen war das Herbstkonzert der Jungen Sinfonie Reutlingen mit Martha Flamm (Flöte) als Solistin und Rainer M. Schmid am Dirigentenpult. Immer wieder findet Rainer M. Schmid kleine Schätze, die kaum einer je gehört hat, die aber die Junge Sinfonie gerne unter seiner kundigen Leitung einstudiert und ihrem Publikum vorstellt.

Nun präsentierte das Orchester die „Dryade“ von Jean Sibelius, eine relativ kurze, doch originelle Tondichtung. Diese Dryade oder Baumnymphe zeigte sich als zarte Ahnung in hauchfein gesponnenen Spannungsfäden und ganz keck in Überraschungsmomenten; es gelang dem groß besetzten Orchester in sensiblem Zusammenspiel hervorragend, die unwirkliche Atmosphäre wiederzugeben.

In den Konzerten der Jungen Sinfonie hat man öfters Gelegenheit, die Fortschritte der aus ihren Reihen kommenden angehenden Berufsmusiker zu verfolgen, indem diese einen Solopart übernehmen. Meist sind es Stipendiaten der Christel-Guthörle-Stiftung, in diesem Fall die Flötistin Martha Flamm. Seit Oktober 2014 studiert sie bei Prof. Ulf-Dieter Schaaff an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar.

„Sonorité“ in allen Lagen

Nur die Flötisten wissen, wie extrem schwierig das Flötenkonzert von Jacques Ibert ist. Offensichtlich hat Ibert die Anforderungen des Flötisten und Dozenten Marcel Moyse, Auftraggeber und Widmungsträger des Werks, in seine Komposition eingebaut, etwa gleichbleibende „sonorité“ in allen Lagen und Tonverbindungen.

Martha Flamm spielte sie auswendig mit schlankem, ebenmäßigem Ton, langem Atem und einer Eleganz, die in keiner Sekunde an heikle Tonverbindungen denken ließ. Was ihr allenfalls noch zu wünschen wäre: mehr solistische Überzeugungskraft. Abgesehen von dem ätherischen zweiten Satz erwies sich das Stück ansonsten – kein Wunder bei der Faktur – als schwer zugänglich. Als Solozugabe gewährte Martha Flamm dem Publikum einen Ohrwurm: Bachs „Badinerie“ aus der h-Moll-Suite.

Brahms’ zweite Sinfonie gehört sozusagen zum Stammrepertoire der Jungen Sinfonie. Offensichtlich wird stets aufs Neue unter Rainer M. Schmids inspirierender Leitung an ihr gefeilt, und das Ohr des Hörers erfreut sich an einer technisch sicheren und musikalisch ausgereiften Darstellung.

Dieses Mal gelang eine facettenreiche Interpretation aus einem Guss. Das Orchester entfaltete ein lichtes, weiträumiges Bild, das zunehmend Kraft und Wärme gewann und im Zuge der (nicht im Programmblatt angegebenen) vier Sätze Brahms’ heimliche Reichtümer in farbiger Fülle ausbreitete.

Vielleicht liegt es auch an der vorzüglichen Akustik im großen Saal der Stadthalle – das Orchester hat an Transparenz, Präzision und differenzierter Klangschönheit hinzugewonnen. War im ruhigen zweiten Satz, der an Schuberts „himmlische Längen“ denken ließ, zwar eine kleine Unschärfe im Zusammenspiel zu verzeichnen, wurde dies im dritten durch umso akkurateres und dabei beseeltes Musizieren ausgeglichen. Frisch und zupackend wurden die Themen von Holzbläsern und Streichern einander gegenübergestellt, der spezielle Charme der Brahmsschen Musiksprache kam ausdrucksvoll zur Geltung.

Viel und lang anhaltender Beifall

Im Finalsatz lebte das Orchester seine ganze Energie und Musizierfreude aus; die so vielschichtig wie mitreißend nachvollzogene Entwicklung gipfelte in einer von den Blechbläsern perfekt überstrahlten Schluss-Stretta. Viel und lang anhaltender Beifall, nicht nur von seiten des Publikums; auch Dirigent und Orchestermusiker applaudierten sich gegenseitig – zu Recht.

Reutlinger Generalanzeiger, 10.10.2016

Gefühl und Verve

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Man sollte hier über Jean Sibelius reden, über Jacques Ibert und Johannes Brahms. Definitiv aber sollte man Martha Flamm würdigen, die beim Herbstkonzert der Jungen Sinfonie am Sonntag in der Reutlinger Stadthalle für magisch-schöne Momente gesorgt hat. Nicht nur punktuell, sondern mit einer durchweg stimmigen und stimmungsvollen Interpretation von Iberts Flötenkonzert.

Die 1996 in Bad Urach geborene Flötistin hat Orchestererfahrungen als langjähriges Mitglied der Jungen Sinfonie Reutlingen, des Nachwuchsorchesters und des Reutlinger Kammerorchesters gesammelt. Sie war Bundespreisträgerin bei »Jugend musiziert« und spielte zusammen mit dem Bach Ensemble von Helmuth Rilling und der Neuen Philharmonie München. Mittlerweile studiert die Stipendiatin der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung Musik in Weimar.

Warmer Ton

Ihrer bestrickenden Klangkunst kann man sich nicht entziehen. Sie taucht in empfindsame Welten ein, gibt sich überschwänglich, flattert der dröhnenden Pauken- und Blechbläser-Dramatik narrensicher davon, um gleich darauf zu einem ruhevollen und wunderbar warmen Ton zu finden. Das Orchester, das diese Übergänge organisch mit ihr entwickelt und, wo es angezeigt ist, beherzt Kontra gibt, kann in den Passagen, die der Renaissance, dem Barock, der Klassik oder dem Jazz zugewandt sind, überzeugen und meistert auch die zahlreichen Taktwechsel, die viel vom besonderen Reiz des 1934 uraufgeführten Werkes ausmachen, famos.

Dass es für alle Beteiligten eine Herausforderung ist und großer Virtuosität bedarf, merkt man den jungen Musikern kaum an, so hochkonzentriert und mit Verve sind sie zugange. Junge-Sinfonie-Leiter Rainer M. Schmid ist das präzise fordernde Bindeglied zwischen dem Orchester und der Solistin. Flamms Zugabe, die Badinerie von Johann Sebastian Bach, unterstreicht noch einmal, dass es sich bei ihr um eine in technischer wie in ausdrucksmäßiger Hinsicht großartige Musikerin handelt.

Orchestriertes Abendlied

Angefangen hat der Abend mit Sibelius' kurzem Stück »Die Dryade«. Die Tondichtung lässt aus impressionistisch diffusen Klangfarben und Fragmenten ein walzerartiges Thema entstehen. Erzählt wird von den Feen der Bäume, geheimnisvoll flirrend, mit Ecken und Kanten. Auch hier sind die Jungsinfoniker mit Ernst bei der Sache. Das Ergebnis kann sich hören lassen.

Nach der Pause stand Brahms auf dem Programm, seine Zweite Sinfonie D-Dur, in die der Komponist neben weiteren singbaren Melodien das »Guten Abend, gut' Nacht« eingeflochten hat. Zwischen lyrischem Pathos und grandioser Feierlichkeit hat er das Werk angelegt, das weit weniger grüblerisch als die frühere c-Moll-Sinfonie daherkommt. Quer durch die Instrumente zieht sich große Vielfarbigkeit. Die jungen Musiker machen ihre Sache gut, nachdem anfangs kurz die Intonation in Gefahr war. Alle stellen sich in den Dienst einer Klangästhetik. Da ist er wieder, dieser Ernst. Und die Junge Sinfonie wirkt ganz schön erwachsen. (GEA)

Reutlinger Generalanzeiger, 28.06.2016

Durch Zartes und Wildes zur Eleganz

VON MARTIN BERNKLAU REUTLINGEN. Ganz ausnahmsweise sind auch mal die Redner zu loben, dann der hochinteressante junge Klaviersolist und schließlich eine Junge Sinfonie, die am Fußballsonntag zum Jubiläumskonzert zu 50 Jahren Gesellschaft der Musikfreunde in der ganz gut besuchten Reutlinger Stadthalle einen ganz unterschiedlichen Eindruck machte.
Die 1978 geschriebene »anakreontische« Ouvertüre von Jean Françaix ist ein so schönes spielfreudiges Stück unverkrampfte wie unverkopfte Moderne, dass sie sich bestens eignet für junge Musiker und für Anlässe wie diesen. Übersichtliche, hörbare Harmonien, pfiffige Rhythmen – das hatte »Jusi«-Dirigent Rainer M. Schmid mit sehr sensiblem Händchen ausgesucht und mit schönem Ergebnis einstudiert. Die Festreden hielten danach Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und der GdM-Vorsitzende Professor Hartmut Ebke, beide kurz, klar, prägnant und mit wohltuendem Verzicht auf Pathos und Wichtighuberei. Damit hatte der Polterer, Piano-Freak und Pathetiker Beethoven 1809 in seinem letzten, dem fünften Klavierkonzert mehr Probleme, zumal er sich immer noch und wieder in der heroischen Tonart Es-Dur an seiner revolutionären Leitgestalt Napoleon abarbeitete und zudem zu ertauben begann.

Emotionales Beethoven-Ereignis

Das Zarte, Wilde und manchmal wüst Weltverbessernde wollte er immer wieder ineins zwingen. Der 1989 geborene Pianist Georg Michael Grau hatte dafür genau das passende künstlerische Temperament, zuspitzend wie weiland sensible Grenzgänger Glenn Gould oder Martha Argerich: emotionales Ereignis statt gebügelt platter Perfektion. Damit zog er nicht nur das Orchester weit mit und formte mit ihm gemeinsam über manche Unebenheiten hinweg ganz intensive musikalische Momente von berückend inniger, ja zärtlicher Delikatesse und – in spannendem Kontrast – jugendlich starken Marken. Es wäre schön, wenn sich solche höchstbegabte Eigensinnigkeit, gegen den Zwang zu glatter Mainstream-Perfektion, ihr Publikum dauerhaft erobern könnte. Das zeigte auch diese phänomenal spannend ausgestaltete Liszt-Konzertetüde »Un sospiro« als Zugabe. Auch Felix Mendelssohn Bartholdy war ja auf diesem allerhöchsten Niveau der Genies so einer, der Schwung und Kraft mit zartestem Gefühl zu verbinden wusste. Seine »Italienische Sinfonie« ist eine Mischung von Charme, schwereloser Eleganz und konzentrierter Klasse, wie sie so vielleicht allenfalls Mozart noch so gelungen ist. Um das angemessen umzusetzen, waren die Vorbereitung und die Umstände vielleicht nicht ganz ausreichend. Trotz aller schönen Ansätze – die Holzbläser etwa, die Hörner – blieb das nach dem gemeinsamen Beethoven-Kraftakt gerade bei den so maßgeblichen Streichern ein wenig unvollendet, etwas schüchtern und gebremst. Dem großen Beifall tat es keinen Abbruch. (GEA)