Presserezension

Reutlinger Generalanzeiger, 10.10.2016

Gefühl und Verve

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Man sollte hier über Jean Sibelius reden, über Jacques Ibert und Johannes Brahms. Definitiv aber sollte man Martha Flamm würdigen, die beim Herbstkonzert der Jungen Sinfonie am Sonntag in der Reutlinger Stadthalle für magisch-schöne Momente gesorgt hat. Nicht nur punktuell, sondern mit einer durchweg stimmigen und stimmungsvollen Interpretation von Iberts Flötenkonzert.

Reutlinger Generalanzeiger, 28.06.2016

Durch Zartes und Wildes zur Eleganz

VON MARTIN BERNKLAU

REUTLINGEN. Ganz ausnahmsweise sind auch mal die Redner zu loben, dann der hochinteressante junge Klaviersolist und schließlich eine Junge Sinfonie, die am Fußballsonntag zum Jubiläumskonzert zu 50 Jahren Gesellschaft der Musikfreunde in der ganz gut besuchten Reutlinger Stadthalle einen ganz unterschiedlichen Eindruck machte.

 

Musiker der Jungen Sinfonie (Archivbild). FOTO: ADRIAN KNAUER
Musiker der Jungen Sinfonie (Archivbild). FOTO: ADRIAN KNAUER
 
Die 1978 geschriebene »anakreontische« Ouvertüre von Jean Françaix ist ein so schönes spielfreudiges Stück unverkrampfte wie unverkopfte Moderne, dass sie sich bestens eignet für junge Musiker und für Anlässe wie diesen. Übersichtliche, hörbare Harmonien, pfiffige Rhythmen – das hatte »Jusi«-Dirigent Rainer M. Schmid mit sehr sensiblem Händchen ausgesucht und mit schönem Ergebnis einstudiert.

Die Festreden hielten danach Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und der GdM-Vorsitzende Professor Hartmut Ebke, beide kurz, klar, prägnant und mit wohltuendem Verzicht auf Pathos und Wichtighuberei. Damit hatte der Polterer, Piano-Freak und Pathetiker Beethoven 1809 in seinem letzten, dem fünften Klavierkonzert mehr Probleme, zumal er sich immer noch und wieder in der heroischen Tonart Es-Dur an seiner revolutionären Leitgestalt Napoleon abarbeitete und zudem zu ertauben begann.
 

Emotionales Beethoven-Ereignis

Das Zarte, Wilde und manchmal wüst Weltverbessernde wollte er immer wieder ineins zwingen. Der 1989 geborene Pianist Georg Michael Grau hatte dafür genau das passende künstlerische Temperament, zuspitzend wie weiland sensible Grenzgänger Glenn Gould oder Martha Argerich: emotionales Ereignis statt gebügelt platter Perfektion.

Damit zog er nicht nur das Orchester weit mit und formte mit ihm gemeinsam über manche Unebenheiten hinweg ganz intensive musikalische Momente von berückend inniger, ja zärtlicher Delikatesse und – in spannendem Kontrast – jugendlich starken Marken. Es wäre schön, wenn sich solche höchstbegabte Eigensinnigkeit, gegen den Zwang zu glatter Mainstream-Perfektion, ihr Publikum dauerhaft erobern könnte. Das zeigte auch diese phänomenal spannend ausgestaltete Liszt-Konzertetüde »Un sospiro« als Zugabe.

Auch Felix Mendelssohn Bartholdy war ja auf diesem allerhöchsten Niveau der Genies so einer, der Schwung und Kraft mit zartestem Gefühl zu verbinden wusste. Seine »Italienische Sinfonie« ist eine Mischung von Charme, schwereloser Eleganz und konzentrierter Klasse, wie sie so vielleicht allenfalls Mozart noch so gelungen ist.

Um das angemessen umzusetzen, waren die Vorbereitung und die Umstände vielleicht nicht ganz ausreichend. Trotz aller schönen Ansätze – die Holzbläser etwa, die Hörner – blieb das nach dem gemeinsamen Beethoven-Kraftakt gerade bei den so maßgeblichen Streichern ein wenig unvollendet, etwas schüchtern und gebremst.

Dem großen Beifall tat es keinen Abbruch. (GEA)

 

Südwestpresse, 28.06.2016

„Solche Freunde brauchen wir!“

VON SUSANNE ECKSTEIN

Sollte die Auftaktmusik ein symbolischer Fingerzeig sein? Rainer M. Schmid und die Junge Sinfonie hatten die „Ouverture anacréontique“ von Jean Françaix dafür ausgewählt, ein ganz selten zu hörendes, raffiniertes, klassizistisches Stück aus dem Jahr 1978, das ausdrücklich eine heile, friedliche Welt abbilden soll.

Die ist dennoch keineswegs langweilig: Zunächst spinnen die Streicher schmeichelweiche Fäden und Flächen, bis Holzbläser-Einwürfe zu einem irrwitzigen Tanz gegenläufiger Rhythmen aufrufen, einem herausfordernden Mit- und Gegeneinander der Stimmen, sensibel, präzise und spielfreudig umgesetzt.

Es wurden – wie versprochen – dem trotz Fußball-EM zahlreich erschienenen Publikum keine langen Reden zugemutet; die Musik war die Hauptsache. Lediglich nach der Ouvertüre traten GdM-Vorstand Prof. Hartmut Ebke und Oberbürgermeisterin Barbara Bosch nacheinander ans Rednerpult, um die Tätigkeit der Gesellschaft der Musikfreunde zu würdigen: als Kultur- und Jugendförderung aus der Bürgerschaft heraus, die das Musikleben der Stadt nachhaltig geprägt hat, aber weiterhin Mitglieder braucht, um die Zukunft zu sichern.

Barbara Bosch lobt den Beitrag der GdM zum Ruf Reutlingens als Musikstadt, dankte für das kontinuierliche Engagement – „Solche Freunde brauchen wir!“ – und überreichte eine Festgabe der Stadt.

Gleichzeitig mit der Gesellschaft der Musikfreunde begeht auch die Christel-Guthörle-Stiftung ein Jubiläum. 15 Jahre schon leistet sie durch ihre materielle und persönliche Förderung begabter Jugendlicher hier und anderswo einen unschätzbaren Beitrag. Einer ihrer Stipendiaten übernahm den Solopart in Ludwig van Beethovens fünftem Klavierkonzert: der vielfach ausgezeichnete junge Pianist Georg Michael Grau, gebürtig aus Lauingen/Donau.

Er und das Orchester musizierten auf sehr hohem Niveau, Grau spielte auswendig; als Hörer konnte man sich zurücklehnen und schlichtweg genießen. Das Zusammenspiel wurde sensibel ausbalanciert, der große Schwung Beethovens in den Ecksätzen spielfreudig realisiert; hinzu kam die fast selbstverständliche Virtuosität des jungen Solisten, der in den leiseren Passagen und im ruhigen Mittelsatz mit subtilem Anschlag Ausdruck und Klangzauber entfaltete und vereinzelte Gefahrenstellen mit viel Nervenstärke meisterte. Der Jubel des Publikums bewog ihn zu einer Solozugabe: Franz Liszts Konzert-Etüde „Un sospiro“, ein atemberaubendes Kunststück aus rauschenden Arpeggien und schlichter Melodik.

Den zweiten Teil bildete Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 4, die „Italienische“. Dabei stürmten die Streicher so flott drauflos, dass die Bläser eben noch mithalten konnten. Die extrem schnellen Tonrepetitionen forderten das Orchester bis an die Grenze, Motorik und Leidenschaft wurden in den Ecksätzen auf die Spitze getrieben, während die zwei Binnensätze daneben etwas trocken wirkten, was auch der Komposition zuzuschreiben ist.

Entscheidend war die glühende Spielfreude, die sich im Finale zu furioser Musizierwut steigerte. Stichwort Finale: Eine Spezialität der Jungen Sinfonie sind ihre Schlussgags. Zur Fußball-EM war’s eine Art Nationaltrikot für den Dirigenten mit der Nummer 4 und dem Namen „Mendelssohn“. Darin dirigierte Rainer M. Schmid die Zugabe: Françaix’ „Anakreontische Ouvertüre“ ein weiteres Mal, als spannendes Miteinander der gegenläufigen Rhythmen – weil’s so schön war.

 

Südwestpresse, 02.01.2015

Ich glaub', mein Pferd geigt!

VON SUSANNE ECKSTEIN

Erneut eine Attraktion: das Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie Reutlingen. Unter Rainer M. Schmid wurde Heiteres, Festliches und Schräges geboten, die Flötistin Amelie Schirmer trat solistisch vors Orchester.

Können Pferde geigen? Die Junge Sinfonie macht's möglich. 
 
Können Pferde geigen? Die Junge Sinfonie macht's möglich.

Foto: Susanne Eckstein

Zuschauerränge und Bühne im Georgensaal waren randvoll, die riesige Streichersektion der Jungen Sinfonie wirkte rekordverdächtig. Der Zustrom zu den Laienorchestern in der Region gilt auch dem (vermutlich) ältesten selbstverwalteten Jugendorchester im Land, auch wenn es wie die andern hauptsächlich vom Engagement der Mitwirkenden leben muss. Und das Silvesterkonzert verspricht stets mehr als Musik: Die Junge Sinfonie lässt sich alljährlich Neues einfallen.

Die Hüte und Hütchen blieben zu Beginn noch liegen; Joseph Haydns Sinfonie Nr. 104 ist zum einen zu festlich-seriös, zum andern bietet die Musik selbst reichlich Hingucker fürs Ohr. Trotz der massiven Besetzung hielten Dirigent Rainer Schmid und die Seinen sie leicht und beweglich. Abgesehen von einer minimalen Verzögerung der Bläser wurde ausgesprochen akkurat und ausdrucksstark musiziert, Haydns letzte und krönende Sinfonie spannungsreich wiedergegeben. Das einzige, was Spiel- und Hörfreude beeinträchtigen konnte, waren Geplapper und Erkältungsattacken im Auditorium.

Mit Cécile Chaminades Concertino für Flöte und Orchester kam nicht nur eine rare "weibliche" Komposition auf die Bühne, sondern auch eine Solistin aus den Reihen der Jungen Sinfonie: Amelie Schirmer, die derzeit an der Musikhochschule Trossingen studiert. Mit edlem Ton und sicherer Technik meisterte sie die Schwierigkeiten des Concertinos und verkörperte stilsicher Eleganz und Esprit der Partitur in ihrem Spiel.

Wenn die Junge Sinfonie Marschmusik macht, dann mit Hintersinn: Johann Strauß' "Ägyptischer Marsch" wurde fast so sauber wie in Wien musiziert und (im Mittelteil) gesungen, nur härter, deftiger, kantiger, auch das Zerbrechen zum Schluss hin wurde sorgfältig ausgearbeitet. Mut zum Misston fordern hingegen die "Drei lustigen Märsche" op. 44 von Ernst Krenek, die dieser 1929 für die Donaueschinger Musiktage komponiert hat. Hier war das ganze Können der Bläser gefordert, um all die hinterlistig konstruierten Abwege und Irrgänge der Marsch-Floskeln souverän als solche darzustellen. Keine leichte Aufgabe: Es wurde sauber musiziert, die ungemütlichen Stücke könnten aber durchaus mehr Draufgängertum vertragen.

Was den andern Laienorchestern recht ist, war dieses Mal der Jungen Sinfonie billig: Sie nahm eine Filmmusik ins Programm, nämlich die zu "Robin Hood" von Michael Kamen. Hier marschierte vor allem das nunmehr verstärkte tiefe Blech glänzend auf. Rhythmen, Farben und romantische Hit-Melodie ("Everything I do") bezauberten so präzise wie mitreißend das Ohr.

Nach dem offiziellen Schluss und frenetischem Applaus kam zunächst ein Kurzdurchlauf durchs Programm im Rückwärtsgang, einschließlich Flötensolo. Der endete mit Haydns Sinfonie-Introduktion, wobei Seufzermotive und Kunstpausen nahtlos übergingen in - Überraschung! - den Radetzkymarsch. Da kamen auch die Maskeraden zum Einsatz. Schon mal Pferde geigen sehen? Die Junge Sinfonie macht's möglich! Auch das Publikum wurde mit einbezogen, nämlich als großer Chor für den "Ägyptischen Marsch", dessen Spaßfaktor nochmals zum Tragen kam - fetzig, sauber und spiefreudig musiziert. Erst danach war, unter allgemeinem Jubel, definitiv Schluss.

Reutlinger Generalanzeiger, 02.01.2015

Stippvisite bei Robin

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Was man im alten Jahr noch alles unternehmen wollte, bevor die Böller krachen! Den alten Haydn in London besuchen, die geistreiche Cécile Chaminade in Paris. Mit Johann Strauß die Pyramiden umrunden, mit Ernst Krenek ein böhmisches Pils kippen und mit Robin Hood durch den Sherwood Forest streifen. Steht da alles noch auf dem Zettel! Also schnell die Koffer gepackt und eingecheckt – da sitzen wir nun im musikalischen Flugabteil des Georgensaals, die Musiker der Jungen Sinfonie und wir 500 Mitreisenden im Publikum.

Flötistin Amelie Schirmer als Solistin im Silvesterkonzert. FOTO: ADRIAN KNAUER
Flötistin Amelie Schirmer als Solistin im Silvesterkonzert. FOTO: ADRIAN KNAUER

 

Kaum abgehoben, sind wir schon bei Papa Haydn in London angekommen. Hat gute Laune, der Alte! Mimt in der Einleitung den Schwermütigen, ehe er laut auflacht und seinen Humor blitzen lässt. Die Bässe lachen gleich lustig mit, die Geigen sind noch etwas schüchtern, aber schon im zweiten Satz jauchzen auch sie mit Lust auf, wenn der Senior seine synkopischen Witze reißt. Im Menuett ist das Eis gebrochen, da wird ganz handfest geschunkelt, und das Finale ist dann eine fetzige Party.

Wie wohl nach solch robusten Scherzen französische Noblesse tut. Die junge Flötistin Amelie Schirmer leiht Cécile Chaminade ihre Stimme und lässt sie erzählen. Und was für sinnliche Erzählungen das sind! Mal in dunkel-samtigen Tiefen lockend, mal in den Höhen glockenhell aufblitzend, wirbelt der musikalische Erzählstrom aus Amelie Schirmers Flöte. Welch ein Esprit!

Aber Johann ruft, unser Wiener Kumpel aus dem Strauß-Clan, ihn drängt’s zu den Pyramiden. Ah, da wehen sie schon heran, die orientalischen Trommel-Rhythmen, die Holzbläser, die sich nach arabischen Schalmeien anhören. Schon sind wir mittendrin in der schmetternden Janitscharen-Musik, da schallt sogar ein kraftvoller Chorgesang mitten aus dem Orchester! Welch ein Schauspiel! Aber vorbei, da ziehen sie hin auf ihren Kamelen und die Schalmeien verklingen leise mit den Trommeln in der Ferne.

Schunkeln mit Ernst Krenek

Jetzt erst einmal ein Pils im böhmischen Biergarten! Hört, die Blasmusik schunkelt schon ihre Märsche. Aber an was für eine schräge Dorfkapelle sind wir da geraten! Leute, die machen sich doch mitsamt dem alten Ernst Krenek lustig über ihr Metier! Die Holzbläser haben eine Mordsgaudi an ihrem parodistischen Gedudel – und Trompeter Maik Kaufmann lässt die schönsten Soli vom Stapel. Ein grimmig lustiger Abgesang!

Schön war’s, das Feuerwerk kann kommen. Nein, halt, da war noch was: Mit Robin Hood die Welt retten! Schnell, die Hüte aufgesetzt und die musikalischen Schwerter gewetzt! Mit donnernden Fanfaren bekommt der Sheriff von Nottingham das blitzende Blech gezeigt! Für eine zarte Liebelei mit betörend schmachtenden Bratschen ist auch Zeit.

War das eine Reise! Wie soll man das alles im Gedächtnis behalten? Kein Problem, Dirigent Rainer M. Schmid legt als Zugabe den Rückwärtsgang ein, häppchenweise geht’s durch die Stücke des Abends zurück zu Haydn. Wo wir gerade bei einem Wiener sind, kann der Radetzky-Marsch folgen. Und die Reisegesellschaft im Saal darf noch ein bisschen singen. Dann auf zum Feuerwerk! (GEA)

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