Reutlinger Generalanzeiger, 20.10.2009

Neugierde und Elan

REUTLINGEN. In ihrem Herbstkonzert in der Listhalle bewies die »Junge Sinfonie Reutlingen« am Sonntag unter Leitung von Rainer M. Schmid insbesondere in den ersten beiden Stücken, wo ihre Stärken liegen: in der Neugierde und dem Elan, mit dem sie sich der Erarbeitung von Werken widmet. In Hans Werner Henzes »Fantasia« von 1966, die er als Filmmusik zu Volker Schlöndorffs Robert-Musil-Verfilmung »Der junge Törless« komponiert hatte, legten die Streicher einen Glanzauftritt hin. Atmosphärisch dicht entwickelten sie die tastende Stimmung des Adagios, setzten die Verlorenheit des jungen Törless eines verunsicherten Zöglings an einem von Grausamkeiten geprägten Internat der österreichischen Kaiserzeit in sperrige Dissonanzen um und bäumten sich dynamisch und präzise in den aufrührerischen Passagen auf.

Waneks »Vier Grotesken«

Präzision war auch ein Kernmerkmal der Bläser und Schlagzeuger, die anschließend Friedrich K. Waneks »Vier Grotesken« von 1974 vorstellten. Die mal wild aufschäumenden, mal minimalistisch einzelne Töne und Pausen aneinanderreihenden Sätze wurden mit wachem Sinn für die innere Entwicklung des Werks gespielt. So hielten sie über die ebenso charmanten wie irritierenden Wendungen der Musik den Spannungsbogen aufrecht, füllten die Grotesken mit Zielgerichtetheit. Zu Recht applaudierte anschließend nicht nur das Publikum, sondern auch der Dirigent.

Unterstützt und bereichert wurden die ersten beiden Werke durch Rezitationen der Orchestercellistin Cornelia Prauser. Zu Henzes »Fantasia« trug sie Passagen aus Musils Novelle »Der junge Törless« vor. Zu Waneks Grotesken lieh sie mit beachtlicher Interpretationskunst zwei gleichermaßen wunderlichen Gedichten von Peter Hammerschlag die Stimme.

Beeindruckende Tonfülle

Erik Saties »Jack in the box«, von Darius Milhaud 1926 für Orchester instrumentiert, vereinte dann die komplette Junge Sinfonie. Schon hier entwickelten die Musiker den überbordenden Schwung, mit dem sie nach der Pause auch die Sinfonie Nr. 2 in D-Dur von Johannes Brahms interpretierten. Kraftvoll und mit satter Fülle breiteten sie die kompakte Komposition aus, strukturierten sie mit sauberen Einsätzen und erwiesen sich technisch dem anspruchsvollen Werk als gewachsen. (sol)

©2018 Junge Sinfonie Reutlingen | Powered by Drupal