Reutlinger Generalanzeiger, 02.01.2009

Am Puls des Jazz

REUTLINGEN. Mit amerikanischem Optimismus hat die Junge Sinfonie ihre Hörer ins Neue Jahr geschickt. Und zwar mit dem Optimismus des sympathischen, des »Obama-Amerika«: frisch, dynamisch, weltoffen und im rechten Moment immer auch mal lässig entspannt. Stücke von Bernstein und Gershwin standen am Silvesterabend im Georgensaal der Reutlinger Waldorfschule für diesen Optimismus. Zu dem natürlich auch der große Auftritt gehörte: in diesem Fall der von Nathalie Glinka als Klaviersolistin in Gershwins »Rhapsody in Blue«. Wie die 18-jährige Pfullingerin selbstbewusst in dieses Stück eintauchte, war eine Wucht.
Bevor sich all die heißen Jazzrhythmen Bahn brechen konnten, war für das Publikum erst einmal eine Zitterpartie auf vereisten Gehwegen angesagt. Gleich darauf stand den Trompetern ihrerseits ein Zitterspiel bevor. In der den Blechbläsern vorbehaltenen Einleitung waren sie in eisigen Höhen gefordert. Es dauerte ein paar Takte, ehe sie sich dort oben richtig wohlfühlten, aber dann rundete sich das Klangbild mit Hörnern, Tuba und Posaunen satt und strahlend.

Fetzige Bläser-Akzente


Und dann ging die Post ab in den drei Episoden aus Bernsteins Musical »On the Town«. Munter tänzelten die Jazzbeats in den Streichern, fetzig warfen sich die Blechbläser dazwischen, quirlig ließen sich die Holzbläser hören, und im Übermut ließen die Cellisten ihre Instrumente im Kreis wirbeln. Aber auch den verträumten Balladenton hatten die Schützlinge von Rainer M. Schmid toll drauf. Vom Blues getränkte Soli von Flöte, Englischhorn, Saxofon, Klarinette und Trompete entführten die Hörer ins nächtliche New York. Toll, wie geschmeidig das Orchester zwischen sprühender Tanzlaune und Innehalten, großer Geste und feiner Durchsichtigkeit wechselte.
Das alles galt auch für Gershwins Rhapsodie in Blue, nur dass hier eine Nathalie Glinka das Ganze durch ihren Gestaltungswillen krönte. Mit Temperament und raumgreifender Körpersprache ließ sich die junge Pianistin auf das Werk ein. Furios, wie sie die rasanten Akkordpassagen über die Tasten jagte. Manchmal tobte sich ihr Vorwärtsdrang zu ungebremst aus, aber mit 18 darf man die Kontraste auch mal auf die Spitze treiben. Große Klasse war aber nicht zuletzt, wie sorgfältig sie die ruhigen Passagen ausgestaltete. Wie sie staute, verzögerte, dem Klang nachlauschte und gerade aus der Ruhe heraus eine soghafte Spannung erzeugte. Das begeisterte offenbar auch die Schlagzeuger, die gleich mitten im Stück die Sektkorken knallen, pardon, die Bierflaschenbügel ploppen ließen.
Schuberts »Unvollendete« mit ihren tragischen Untertönen war der Gegenpol zu solchen Späßen. Minutiös spürten die Musiker hier den emotionalen Gegensätzen nach, legten die Spannungslinien frei, loteten das klangliche Spektrum aus. Gelöst schwang sich das Seitenthema in den Celli auf und immer wieder erfreuten wunderbare Holzbläsersoli.
Weil das vielleicht etwas zu ernst war für einen ausgelassenen Silvesterabend, gab's als Rausschmeißer noch Strawinskys »Zirkuspolka«, frei nach dem Motto: Was passiert, wenn eine Truppe Elefanten sich mit einer Gruppe Ballerinen zum Pas de deux trifft? Der daraus hervorgehende Synkopenspaß schickte die Hörer beschwingt in die immer noch eisglatte Silvesternacht. (GEA)

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