Reutlinger Generalanzeiger, 02.01.2017

Das Können junger Persönlichkeiten

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Es steht einer Stadt, die Kulturstadt sein will und ist, gut zu Gesicht, auf das zu blicken, was nachwächst. In puncto klassische Musik ist das eine ganze Menge, wie das Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie Reutlingen am Samstag geradezu mustergültig vor Augen führte. Im voll besetzten Saal der Freien Georgenschule trat nicht nur ein glänzend aufgelegtes Orchester auf – gleich fünf Solisten, die allesamt aus der Region kommen, fesselten zudem mit stupenden Darbietungen.

Eva Schall (vorn, von links), Jakob Schall und Nathalie Glinka spielen Beethovens Tripelkonzert.
Eva Schall (vorn, von links), Jakob Schall und Nathalie Glinka spielen Beethovens Tripelkonzert. FOTO: Christoph B. Ströhle

Poesie und Passion

Zwei von ihnen, Julia Hinger und Rebecca Haas, sind seit 2012 Mitglieder der Jungen Sinfonie und nahmen nach ihren Soloauftritten auch wieder im Orchester Platz: Julia Hinger bei den Celli, Rebecca Haas bei den Klarinetten. Die anderen drei, Eva Schall, Jakob Schall und Nathalie Glinka, sind Stipendiaten der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung. Sie hatten Beethovens Tripelkonzert, das am Abend erklang, bereits vor fünf Jahren mit der Jungen Sinfonie aufgeführt. Aus den zwischen 1989 und 1993 geborenen Instrumentalisten sind mittlerweile gestandene Musikerpersönlichkeiten geworden.

Eva Schall ließ ihre Geige beseelt und schwerelos federnd klingen. Die exzellente Tongebung und Klangkultur bis in die feinsten Nahtstellen hinein fand sich auch bei ihrem Bruder Jakob Schall, der auf dem Cello auch und gerade in den hohen Lagen eine wunderbare Ausdruckskraft und technische Versiertheit bewies. Nathalie Glinka verstand es am Klavier, immer wieder eindrucksvoll zwischen lyrischer Poesie und Passion zu vermitteln. Feurig, beherzt, neckisch und versonnen klang das Ganze im Zusammenspiel, inspiriert begleitende Junge Sinfoniker machten das Bild rund.

Zuvor hatte Julia Hinger in Carl Maria von Webers Romanze und Arie des Ännchens aus der romantischen Oper »Der Freischütz« in Bann gezogen – mit Ausstrahlung, einem mühelos geführten, leuchtenden Sopran und jener neckischen Art, mit der Ännchen ihre Cousine Agathe nach einer Nacht voller Alpträume mit einer lustigen Geistergeschichte aufzumuntern versucht. Hannah Leonhard war mit der Solobratsche betraut und machte ihre Sache ausnehmend gut.

Berückender Zauber

Rebecca Haas legte in Webers Concertino für Klarinette und Orchester op. 26 ein beeindruckendes Können an den Tag. Facetten- und Farbenreichtum prägten ihre Interpretation, wobei sie gleichermaßen in den anmutigen wie den virtuosen Passagen glänzte. Mehr noch: Die Klarinettistin lebte diese Musik, und das Orchester mit ihr, sodass das Zuhören eine Freude war. Mit Webers »Oberon«-Ouvertüre waren die jungen Musiker und ihr Leiter Rainer M. Schmid in den Abend gestartet, der am Ende Heiteres bereithielt. Der Oberon ließ in feinster sinfonischer Dichtung und mit berückendem Zauber die Geister- und Elfenwelt erstehen. Nicht leicht zu spielen war das für das Orchester, doch war das Wesentliche plastisch herausgearbeitet.

Otto Nicolais Ouvertüre zu »Die lustigen Weiber von Windsor« fing mit zartem Strahlen in den Geigen und charaktervollen Celli und Bässen an. Melodisch entwickelte sich die Musik, heiter, tänzerisch, gewollt deftig. Den Musikern gelang es, flugs umzuschalten – um am Ende auf den Radetzky-Marsch einzuschwenken, mit lustigen Hüten auf dem Kopf und teilweise Federboas um den Hals. Und auch das Feuerwerk, das vor dem Saal schon den ganzen Abend getönt hatte, wussten die jungen Musiker – mit dem Mund – täuschend echt nachzuahmen. (GEA)

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