Südwestpresse, 03.01.2017

Romantik, Jux und Zauberei

von SUSANNE ECKSTEIN

 
Am Ende bei der traditionellen Dreingabe des Radetzky-Marschs mit Hut: Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie. Foto: Susanne Eckstein

Foto: Susanne Eckstein

Ein glänzendes und erneut umjubeltes Silvesterkonzert samt fünf Solisten brachte die Junge Sinfonie Reutlingen auf die Bühne des Georgensaals; die Leitung hatte wie stets Rainer M. Schmid.

Dem jährlichen Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie kann man mittlerweile Kultstatus bescheinigen, ablesbar nicht zuletzt an dem Gedränge vor dem vergleichsweise kleinen Auditorium in der Freien Georgenschule. Dafür bietet die Akustik des Saals Bestqualität mit Wohlfühlfaktor. Legendär sind zudem die Gags des Orchesters zum Konzert- und Jahresabschluss, auch diesmal wieder lagen verheißungsvolle Hüte und Perücken unter den Musikerstühlen bereit.

Als Auftakt wurde die Ouvertüre zu der Oper „Oberon“ von Carl Maria von Weber gewählt; man sah vor dem inneren Auge geradezu den Bühnenvorhang aufgehen, so spielfreudig und spannend wurde die Zauberwald-Szenerie entfaltet, von Rainer M. Schmid am Pult wie gewohnt so präzise wie unprätentiös dirigiert.

Auf die Bühne trat danach die Junge-Sinfonie-Cellistin Julia Hinger als Gesangssolistin mit Romanze und Arie des Ännchens aus Webers „Freischütz“ („Einst träumte meiner sel’gen Base“); mit feiner, jedoch präzise und höhensicher geführter Sopranstimme gab sie der Nummer eine mädchenhafte Note. Ebenfalls aus den Reihen des Orchesters kommt die Klarinettistin Rebecca Haas; sie beschloss den großen Weber-Block, der ganz ohne runde Jubiläumszahl (230 oder 190 Jahre zählen ja nicht) dem Begründer der deutschen Opern-Romantik huldigte, mit dessen Concertino für Klarinette und Orchester op. 26. Trotz der Knallerei direkt am Haus gelang ihr bei aller Virtuosen-Brillanz eine wunderbar dichte, klangschöne und ausdrucksvolle Interpretation, die eine geradezu magische Aura heraufbeschwor.

Ludwig van Beethovens Tripelkonzert (op. 56) für drei Solisten und Orchester haben sie zwar im Sommer 2011 schon einmal gemeinsam aufgeführt, doch Eva Schall (Violine), Jakob Schall (Cello) und Nathalie Glinka (Klavier) wollten sich das Werk nochmals vornehmen – die künstlerische Reife, die sie dabei zeigten, gab ihnen Recht.

Alle drei sind Stipendiaten der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung und haben sich glänzend entwickelt; ihr zugleich entspanntes und konzentriertes Zusammenspiel mit dem Orchester der Jungen Sinfonie bot kammermusikalisch ausgefeilten Musikgenuss und machte Lust darauf, die drei als Klaviertrio zu erleben; allerdings sind sie schon mit anderen Trio-Partnern unterwegs.

Ein Eröffnungsstück am Programm-Ende? Warum nicht! Otto Nicolais Ouvertüre zu der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ bietet soviel humorvollen Stoff und ein so effektvolles Finale, dass letzteres auch noch als zweite Zugabe (und zum Singen) taugt, zumal die Umsetzung der Jungen Sinfonie unter Rainer M. Schmids Leitung keine Wünsche offen ließ. Offenbar hat das Reutlinger Jugendorchester die richtige Balance zwischen Anspruch und Musizierfreude gefunden und spielte geradezu befreit auf; kleinere Ungenauigkeiten wurden in Kauf genommen zugunsten von sprühendem Spielwitz und fesselnder Atmosphäre.

Während bei früheren Silvesterkonzert-Schlüssen schon manch mahnendes Wort gesprochen (oder gesungen) und Schräges inszeniert wurde, triumphierte diesmal unbeschwerte Heiterkeit: Das Orchester kostümierte sich mit Hüten und Perücken zum obligaten Radetzkymarsch, das jubelnde Publikum durfte mitklatschen – und nach der zweiten Zugabe, dem Finale der Nicolai-Ouvertüre, das Polka-Thema selber singen.

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